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Dyskalkulie bei Kindern

Zahlen, Mengen und mathematische Grundoperationen verstehen – nicht allen Kindern fällt das leicht! Rund drei bis fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind nach neuesten Studien von einer Rechenstörung (Dyskalkulie) betroffen. Eine frühzeitige Diagnose der Dyskalkulie ist entscheidend, um Matheangst und psychosoziale Belastungen wie Schulunlust oder Versagensängste abzuwenden. Aber nicht hinter jedem Matheproblem steckt eine Rechenstörung. Wie Dyskalkulie frühzeitig zu erkennen ist, welche Symptome auf eine Rechenschwäche hindeuten und welche Tests für eine Diagnose angewendet werden, erfahren Sie in diesem Beitrag. Außerdem zeigen wir, wie Kinder mit Dyskalkulie gezielt gefördert werden können und welche Möglichkeiten Eltern und Lehrkräfte haben, um betroffene Kinder im mathematischen Lernen zu unterstützen.

Mädchen, das vor einem Heft sitzt und in die Ferne schaut

Was ist Dyskalkulie?

Dyskalkulie bezeichnet eine anhaltende und ausgeprägte Schwierigkeit beim Erwerb und der Anwendung mathematischer Fähigkeiten. Kinder und Jugendliche mit Dyskalkulie haben häufig Schwierigkeiten, grundlegende mathematische Konzepte wie Mengenverständnis, Zahlenräume und Rechenoperationen zu erfassen und sicher anzuwenden. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass ihnen das Verständnis für Mengen und Zahlen schwerfällt oder sie Rechenaufgaben deutlich langsamer bearbeiten als andere Kinder. Häufig greifen sie beim Rechnen länger auf zählende Strategien, etwa das Rechnen mit den Fingern, zurück, anstatt Rechenwege sicher abzurufen. Auch das Auswendiglernen von Rechenaufgaben oder des Einmaleins kann eine Strategie sein, mit der Kinder versuchen, ihre Schwierigkeiten auszugleichen. Solche Strategien können zunächst hilfreich sein, reichen aber nicht immer aus, wenn mathematische Inhalte zunehmend komplexer werden und auf bereits erlernten Grundlagen aufbauen. Dadurch können sich im Laufe der Zeit weitere Schwierigkeiten und Lernlücken entwickeln.

Nach der ICD-10, der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation WHO, ist die Dyskalkulie eine Krankheit (Code F81.2) und gehört zu den „umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“.

Welche Ursachen hat Dyskalkulie?

Die Ursachen für Dyskalkulie sind komplex und bislang nicht vollständig geklärt. Forschende gehen davon aus, dass die Rechenstörung durch ein Zusammenspiel verschiedener genetischer, neurobiologischer und kognitiver Faktoren entsteht.

Die wichtigsten Faktoren im Überblick:

  • Neurobiologische Faktoren: Studien zeigen, dass die Areale im Gehirn, die für die intuitive Mengenerfassung und das Zahlenverständnis zuständig sind, weniger stark ausgeprägt oder vernetzt sind. Dadurch fällt es schwer, Symbole intuitiv mit echten Mengen in Verbindung zu bringen.
  • Genetische Veranlagung: Eine erbliche Komponente ist wissenschaftlich belegt. Das Risiko für Dyskalkulie ist deutlich erhöht, wenn bereits nahe Verwandte (Eltern oder Geschwister) davon betroffen sind. Bei eineiigen Zwillingen steigt das Risiko sogar um das 12-fache.
  • Kognitive Besonderheiten: Häufig sind Einschränkungen im Arbeitsgedächtnis. Gelerntes kann schwerer abgespeichert oder abgerufen werden, weshalb Kinder oft auf Zählen mit den Fingern oder Auswendiglernen zurückgreifen. Auch eine eingeschränkte Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit können eine Rolle spielen.
  • Umwelt- und Schulbedingungen: Ein ungünstiges Lernumfeld verursacht keine Dyskalkulie, kann sie aber verstärken. Dazu zählen ungeeignete Lehrmethoden, zu schnelles Lerntempo, häufiger Lehrerwechsel oder psychischer Druck.
  • Psychische Belastungen: Misserfolge und Überforderung können zu Schul- oder Matheangst führen, wodurch das eigentliche Verständnis für Mathematik weiter blockiert wird.

Dyskalkulie erkennen – Symptome, die auf eine Rechenschwäche hindeuten

Um Kindern mit Dyskalkulie die notwendige Unterstützung geben zu können, ist es von großer Bedeutung, die Rechenschwäche frühzeitig zu erkennen. Erste Anzeichen einer Dyskalkulie zeigen sich oft schon im Kindergartenalter. Betroffene Kinder können Mengen nicht intuitiv erfassen, zählen ungenau oder tun sich schwer mit dem Erfassen von Relationen (größer, kleiner, mehr, weniger).

Die wichtigsten Warnzeichen im Vorschulalter:

  • Fehlendes Mengenverständnis: Dem Kind fällt es schwer, kleine Mengen (z. B. die Punkte auf einem Würfel) spontan zu erfassen, ohne sie einzeln abzuzählen.
  • Schwierigkeiten beim zählen: Das richtige Aufsagen der Zahlwortreihe ist lückenhaft. Zahlen werden ausgelassen oder doppelt gezählt. Auch das Abzählen von echten Gegenständen (z. B. Bauklötzen) klappt trotz Übung nicht zuverlässig.
  • Probleme beim Vergleichen: Die Unterscheidung von "größer/kleiner", "mehr/weniger" oder "länger/kürzer" bereitet große Mühe. Beispiel: Das Kind hat Schwierigkeiten beim Sortieren von Gegenständen nach ihrer Größe oder Länge.
  • Festes Zahlenverständnis: Das Kind kann sich unter Zahlen nichts Konkretes vorstellen. Symbole wie die Ziffer "3" werden nicht mit der entsprechenden Menge (z. B. drei Bauklötze) verknüpft.
  • Räumliche Orientierung: Begriffe wie "vor/hinter" oder "oben/unten" bereiten große Probleme, wodurch es dem Kind schwerfällt, räumliche Verhältnisse einzuordnen.
  • Unlust an Zahlenspielen: Das Kind vermeidet instinktiv Zähl- und Würfelspiele oder zeigt generell wenig Interesse an Zahlen, Uhren oder Formen.
  • Alltagsbezug: Die korrekte zeitliche Einordnung von Abläufen oder Zeitspannen (gleich, gestern, morgen) bereitet große Probleme. Auch den eigenen Platz im Raum zu finden oder geometrische Formen (Kreis, Dreieck) zu erkennen und zu benennen, ist oft auffällig schwer.
Mädchen, das ein Aufgabenblatt vor sich hat und verzweifelt

Treten mehrere dieser Anzeichen dauerhaft auf, sollte dies genau beobachtet werden, da es sich um die sogenannten mathematischen Vorläuferfertigkeiten handelt, die dem Kind helfen, spätere mathematische Konzepte zu verstehen und erfolgreich zu meistern.

Tipp: Mathematische Frühförderung hilft Kindern auf spielerische Weise, grundlegende Fähigkeiten wie beispielsweise Mengenvergleich, Zahlenverständnis und Zählfertigkeiten zu erwerben.

Typische Symptome im Grundschulalter und in höheren Klassen:

  • Zählendes Rechnen: Das Kind löst Rechenaufgaben fast ausschließlich durch Abzählen, z. B. mit den Fingern oder Stiften.
  • Zahlen: Schwierigkeiten beim Benennen und Schreiben von Zahlen.
  • Kein Mengenverständnis: Zahlen werden als bedeutungslose Symbole statt als konkrete Größen wahrgenommen. Jede Zahl wird immer wieder neu durchgezählt.
  • Verwechslung der Rechenzeichen: Plus, Minus, Mal und Geteilt werden häufig verwechselt.
  • Zahlendreher: Vertauschen von Ziffern (z. B. 23 wird zu 32) beim Lesen, Schreiben oder Rechnen.
  • Fehlender Transfer: Logische Zusammenhänge zwischen ähnlichen Aufgaben werden nicht erkannt, jede Aufgabe erscheint neu. Rechenschritte werden starr auswendig gelernt, aber nicht verstanden.
  • Stellenwertverständnis: Das Zehnersystem (Dezimalsystem) bereitet Probleme. Das Kind schreibt z.B. „5010“ für 60.
  • Testaufgaben: Fragestellungen können nicht in mathematische Rechenoperationen übersetzt werden.
  • Maße und Gewichte: Probleme beim Verstehen von Längen, Gewichten, Raummaßen oder Brüchen.
  • Zeitverständnis: Große Schwierigkeiten beim Erlernen und beim Ablesen der Uhr (besonders bei analogen Zifferblättern) und Schwierigkeiten, Zeitspannen oder Termine einzuschätzen.
  • Vermeidungsverhalten: Das Lösen von Rechenaufgaben dauert überdurchschnittlich lang und das Kind zeigt oft eine starke Abneigung oder gar Angst vor dem Fach Mathematik.
  • Psychosomatische Symptome: Durch dauerhafte Überforderung kann es zu Schulangst, Bauchschmerzen oder Schlafstörungen kommen.

Dyskalkulie-Diagnose: Welche Rechenschwäche-Tests gibt es?

Bei Verdacht auf Dyskalkulie ist eine frühzeitige Abklärung der Rechenschwierigkeiten im Rahmen einer professionellen Diagnostik wichtig. Erste Anlaufstelle sind Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie approbierte Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Seit 2018 gibt es die S3-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung. Sie bietet klare, empirisch fundierte Handlungsanweisungen für die einheitliche Diagnostik von Dyskalkulie.

Diese beinhalten:

  • Psychometrische Tests: Erfassung der Mathematikleistung (Basiskompetenzen, Grundrechenarten, Textaufgaben), der Leistung im Bereich des visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisses und der exekutiven Funktionen (Inhibition).
  • Klinische Untersuchung: Differentialdiagnostik einschließlich der körperlichen/neurologischen, sensorischen und intellektuellen Funktionen.
  • Qualitative Kriterien: Betrachtung des bisherigen Entwicklungsverlaufs sowie der Familien- und Schulsituation. Dabei werden auch die Auswirkungen der Leistungsdefizite auf die psychische und soziale Entwicklung, die schulische Integration und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben berücksichtigt.

Bei der Diagnoseerhebung erfolgt in der Regel auch ein diagnostisches Screening anderer schulischer Entwicklungsstörungen wie LRS (Lese- und Rechtschreibstörung), Symptome aus dem AD(H)S-Spektrum sowie Anzeichen von internalisierenden Störungen (wie Ängsten und Rückzug).

Die Dyskalkulie-Diagnose erfolgt üblicherweise in Facharztpraxen, Ambulanzen einer Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einem sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ).

Die offizielle Feststellung einer Rechenstörung nach ICD-10 ist wichtig, um formelle Hilfen wie einen Nachteilsausgleich in der Schule (z. B. mehr Zeit bei Klassenarbeiten) oder die Beantragung einer Lerntherapie in Anspruch nehmen zu können.

Förderung bei Dyskalkulie: Lerntherapie und hilfreiche Übungen

Wurde eine Rechenstörung diagnostiziert, kann eine individuell angepasste Lerntherapie dem betroffenen Kind helfen, seine mathematischen Fähigkeiten zu entwickeln und zu verbessern. Diese findet meist in Einzel- oder Zweiersitzungen statt, da die Therapie an die Lernausgangslage des Kindes angepasst sein muss. Am besten gelingt die Förderung bei Dyskalkulie, wenn Eltern, Lehrkräfte und Therapeuten zusammenwirken. Dabei ist die Rolle der Eltern von großer Bedeutung. Geduld, Verständnis, Geborgenheit und Rückhalt in der Familie sind für das Kind die beste Unterstützung, die es bekommen kann. Im Rahmen einer Lerntherapie erfahren Eltern auch, wie sie mit Hilfe von Strategien und Anschauungsmaterialien ihr Kind beim Lernen unterstützen können.

Lernmaterialien und Übungen zur Unterstützung bei Dyskalkulie:

Junge, der von einer Lehrerin den Rechenrahmen erklärt bekommt
  • Begreifbares Lernen: Lassen Sie Ihr Kind mit Wendeplättchen, Steckwürfeln oder Rechenketten arbeiten, um Mengen zunächst handelnd zu erfassen. Anschließend kann das Gelegte gezeichnet und schließlich mit Zahlen dargestellt werden. So wird der Übergang vom konkreten zum bildlichen und symbolischen Lernen unterstützt.
  • Längen verstehen: Längen lassen sich besonders anschaulich erfassen, wenn Kinder sie sehen, anfassen und miteinander vergleichen können. Rechenstäbe eignen sich dafür besonders gut. Mit ihnen lassen sich beispielsweise verschiedene Längen vergleichen und erste Rechenzusammenhänge veranschaulichen: Zwei Zweierstäbe sind genauso lang wie ein Viererstab.
  • Geldwerte verstehen: Um den Wert von Geld zu erfassen, können konkrete Übungen mit echtem Geld oder Euro-Rechengeld hilfreich sein. Beim Rollenspiel „Einkaufen und Verkaufen“ können Kinder spielerisch lernen, Münzen und Scheine zu erkennen, zu benennen und ihren Wert miteinander zu vergleichen.
  • Bewegungsspiele: Bewegung kann dabei helfen, Zahlen und geometrische Formen anschaulich zu erleben. Gestalten Sie beispielsweise gemeinsam einen großen Zahlenstrahl und lassen Sie Ihr Kind darauf vorwärts und rückwärts hüpfen. Auch geometrische Formen können mit Seilen auf dem Boden dargestellt und anschließend abgelaufen oder nachbalanciert werden.
  • Uhr lesen lernen: Eine Lern-Uhr kann dabei helfen, Zeit und Uhrzeiten anschaulich zu vermitteln. Lassen Sie Ihr Kind beispielsweise zeigen, wo die Zeiger bei einer Viertelstunde, einer halben Stunde oder einer vollen Stunde stehen. Auch eigene Aufgaben und Beispiele des Kindes können dabei einbezogen werden.

Nachteilsausgleich bei Dyskalkulie

Kinder mit diagnostizierter Dyskalkulie haben an vielen Schulen Anspruch auf einen sogenannten Nachteilsausgleich. Er soll betroffenen Schülern helfen, ihre mathematischen Schwächen auszugleichen, ohne die inhaltlichen Anforderungen zu senken. Die konkreten Regelungen sind Ländersache und variieren stark.

Maßnahmen des Nachteilsausgleichs können beispielsweise sein:

  • Verlängerung der Arbeits- oder Prüfungszeit
  • Bearbeitung der Arbeit in einem separaten, ruhigen Raum, um Ablenkungen zu reduzieren
  • Vereinfachung von Textaufgaben durch klare und kurze Formulierungen
  • Erlaubnis zur Nutzung geeigneter Hilfsmittel, beispielsweise Einmaleins-Tabellen, Punktefelder, Dienes-Material, Formelsammlungen oder Taschenrechner

Ansprechpartner für einen Antrag auf Nachteilsausgleich sind die Lehrkraft oder die Schulleitung. Ein Nachteilsausgleich darf nicht im Zeugnis vermerkt werden.

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